Draussen mit Claussen: ein RefLab-Podcast

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Die Kultur der Gegenwart ist voller Religion

Seher Ünlü: Sind Migrant*innen anders krank?

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Wenn ein Mensch in eine Arztpraxis kommt, ist wenig Zeit. Dabei bräuchte man für die Untersuchung und Behandlung besonders von psychischen und psychosomatischen Krankheiten Ruhe, um die Hintergründe der Schmerzen, der Ängste und Traurigkeiten zu verstehen. Das gilt besonders für Menschen mit einer Migrationsgeschichte. Sie sind anders krank als die Einheimischen. Aber wie genau „anders“?

Die junge Hausärztin Seher Ünlü hat dies in ihrer medizingeschichtlichen Doktorarbeit („Entstehungskonzepte psychiatrischer und psychosomatischer Krankheitsbilder bei türkischen Arbeitsmigrant*innen in der Bundesrepublik (1970–2000“) erforscht und dabei vieles herausgefunden, was einem die Augen öffnet und uns allen heute für das Zusammenleben mit Migrant*innen wichtig sein sollte. Und zugleich hat sie damit ein bedeutendes Thema ihrer eigenen Biografie und ihre Familiengeschichte bearbeitet.

Philine Claussen: Stricken als Lebenskunst

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Es ist nicht zu übersehen: Das Stricken erlebt eine Renaissance. Mit der Corona-Pandemie hat es für viele angefangen. Sie wollten die leere Zeit sinnvoll verbringen. Heute ist es ein gutes Mittel gegen übermäßigen Handy-Konsum und die Anstrengungen der alltäglichen Unruhe. Es ist eine ganz einfache Tätigkeit, zugleich aber kann man Stricken als Ausdruck einer modernen Lebenskunst verstehen.

Sie setzt sich ab von Arbeitsstress und Konsumgier, genießt ein ruhiges Tun, hat gar nichts gegen viele Wiederholungen einzuwenden, teilt diese Freude mit anderen und ist dabei ganz bei sich. So ist Stricken das Symbol eines nicht mehr entfremdeten Lebens. Man kann sich sogar fragen, ob im Stricken nicht auch ein spirituelles Element steckt.

Klaus Mertes: gut-katholisch oder rechts-katholisch?

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In den USA wurde es zuerst beobachtet: Seit einigen Jahren wenden sich junge Menschen (besonders junge, intellektuelle Männer) einer besonderen Spielart des Katholischen zu, nämlich einem entschieden konservativen Katholizismus. Wie ist das zu verstehen? Was zieht junge Menschen, die häufig nicht religiös aufgewachsen oder evangelikal geprägt sind, zur alten lateinischen Messe, zu autoritären Vorstellungen von Ordnung, zu einem christlichen Nationalismus und rechts-religiösen Aktivismus?

Pater Klaus Mertes beobachtet diese Tendenz – nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien und Frankreich sowie im deutschsprachigen Raum. Pater Mertes hat deutsche Kirchengeschichte mitgeschrieben: Von 2000 bis 2011 war er Rektor des Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Berlin, dort wirkte er Anfang 2010 maßgeblich an der Aufdeckung sexualisierter Gewalt gegen Schüler mit und brachte damit die Aufarbeitung von Missbrauch in der katholischen Kirche in Gang – mit erheblichen Folgen auch für die evangelische Kirche.

Als Theologe und Autor analysiert und kommentiert er theologische und politische Entwicklungen im weltweiten Katholizismus. Genau beobachtet er, was der US-amerikanische Vizepräsident J. D. Vance, der Investor Peter Thiel und rechtskatholische Intellektuelle propagieren. Dem versucht er das entgegenzustellen, was für ihn gute katholische Ressourcen sind: theologisches Nachdenken, politische Wachsamkeit und nicht zuletzt eine lebendige Frömmigkeit.

Stephan Lehnstaedt: Jüdischer Widerstand

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Umfassend ist zur Shoa geforscht worden. Doch jetzt ist ein Buch erschienen, das viele überraschen wird. In «Der vergessene Widerstand» erzählt der Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt, wie viele jüdische Männer und Frauen sich gegen den NS-Terror gewehrt haben. Auf sehr unterschiedliche Weise: mit Waffen, im KZ, auf der Flucht, in Verstecken, mit geistigen Mitteln, durch Dokumentation des Unrechts. Das widerspricht dem Klischee, wonach die meisten Juden ihr gewaltsames Ende wehrlos erduldet hätten.

Lehnstaedt erzählt von großem Mut und überwältigender Menschlichkeit, aber auch von moralischen Dilemmata und tragischer Vergeblichkeit. Er verändert den Blick auf die Geschichte des europäischen Judentums und provoziert viele neue Fragen. Zum Beispiel: Wie hat diese bislang verdrängte Widerstandsgeschichte nach 1948 die Menschen und die Politik in Israel geprägt? Und was sagt sie uns heute?

Julia Voss: Natur zwischen Glaube und Macht

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Von «der Natur» ist oft die Rede, ohne dass dabei immer klar wäre, was damit genau gemeint sein soll. Wir leben von ihr, lieben sie, erleben uns selbst in ihr, machen uns Sorgen um sie, sind weit von ihr entfernt. «Natur» hat zudem häufiger, als man gemeinhin denkt, eine religiöse Seite. Wir staunen über die Schöpfung, empfinden Ehrfurcht vor ihrer Größe, sind dankbar für ihre Gaben, fühlen uns verpflichtet, Verantwortung für sie zu übernehmen.

Die Kunsthistorikerin Julia Voss hat nun im Deutschen Historischen Museum zu Berlin die sehr sehenswerte Ausstellung «Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht» eingerichtet. Mit ihr spreche ich darüber, wie unser heutiges Verständnis von Natur entstanden ist und sich über die Jahrhunderte entwickelt hat. Wir schauen auf die wechselnden politischen Funktionen «der Natur» und ihre religiösen Bedeutungen. Das ist nicht nur geschichtlich interessant, sondern auch für die Gegenwart bedeutsam, denn wir nur das schützen und bewahren, was wir verstehen.

Deutsches Historisches Museum: https://www.dhm.de/

Johanna Haberer: Weihnachten und der leere Stuhl

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Über Weihnachten unterhalten sich theologische Fachleute erstaunlich selten. Dabei gibt das beliebteste christliche Fest immer noch viel zu denken. Johanna Haberer – ehemalige Professorin für christliche Publizistik, überaus beliebte Podcasterin («Unter Pfarrerstöchtern») und jetzt auch Pastorin in einer norddeutschen Kleinstadt – hat viel über Weihnachten, seinen Sinn und seine besondere Freude zu erzählen.

Wir unterhalten uns darüber, wie und mit wem sie feiert, welche Rolle Kindheitserfahrungen spielen, was von der spätmodernen und zum Teil nachchristlichen Weihnachtsspiritualität zu halten ist und worüber sie in diesem Jahr predigen wird. Weihnachten ist für sie eine «andere Zeit», in der das schlechtgelaunte, faule Krisenklagen eine Pause macht und eine überraschende Freude frei Fahrt bekommt.

So erklärt sich, warum Johanna Haberer zu Hause an der langen Tafel einen Stuhl frei lassen und eben diesen unbesetzten Sitzplatz ins Zentrum ihrer Weihnachtspredigt stellen wird.

Martin Fritz: Was ist christlicher Nationalismus?

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Die Gefahr von rechts ist höchst real. Allerdings gibt es in diesem Feld viel Bewegung und erhebliche Unterschiede. Deshalb ist es wichtig, genauer hinzusehen und präziser zu beschreiben. Nur so kann man die Urteilssicherheit gewinnen, die die Grundlage für das eigene demokratische Engagement ist.

Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin ist ein Kenner dessen, was man grob als «rechts» oder «rechtsextrem» bezeichnen würde. Aber er gibt sich mit solchen Etikettierungen nicht zufrieden, sondern sucht nach passenden Begriffen und bemüht sich um zielsichere Analysen.

Mit ihm sprechen ich über christlichen Nationalismus. Dafür blicken wir auf den Fall von Charles Kirk – seine Person, seine Politik, seine Ermordung und schliesslich deren Instrumentalisierung – zurück. Viel wurde darüber schon geschrieben und gesendet, aber mit etwas Abstand kann man einiges klarer sehen, einordnen und beurteilen. Zum Beispiel die Frage, ob solch ein christlicher Nationalismus auch im deutschsprachigen Raum eine politische und religiöse Chance hat.

Lars Castellucci: #wird gut

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Wenn es um Politik geht, treffen gegensätzliche, erregte Meinungen aufeinander. Aber was steht hinter diesen Meinungen? In der Seelsorge fragt man: Was ist das Thema im Thema? Das sollte man auch in der Politik häufiger tun. Dann würde man erkennen, dass unter der Meinungsoberfläche bestimmte Gefühle und Erfahrungen liegen, um die es eigentlich gehen sollte. Zum Beispiel Einsamkeit, Abgehängt-sein, Nicht-gehört-werden, Sich-übergangen-fühlen, Keine-Hoffnung-haben. Daraus kann Wut werden und daraus eine zerstörerische Politik.

Der Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci möchte dagegen etwas tun. Deshalb sammelt er Menschen mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung und aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, um unter «#wirdgut» Gegenerfahrungen des Gelingens und Fortschreitens zu teilen. Er will das Feld nicht denen überlassen, die schlechte Laune schieben oder den Unmut anderer ausbeuten. Lieber zeigt er Wege aus der Einsamkeit, die eben auch zu einem politischen Problem werden kann.

Damit steht er zum Glück nicht allein, wie unsere RefLab-Kollegin Janna Horstmann beweist, die demnächst eine ganze Staffel ihres Psychologie-Podcasts «I Feel You» dem Thema Einsamkeit widmet.

Matthias Glaubrecht: Die Fülle des Lebens schützen, betrachten und achten

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Alle (zumindest viele) reden vom Klimawandel, aber viel zu wenige vom Artensterben. Beides hängt miteinander zusammen, ist aber nicht dasselbe. Der Verlust an biologischer Vielfalt wird weniger durch die Erderwärmung verursacht als durch die übermäßige Nutzung von Land und Wasser durch den Menschen.

Der Hamburger Biologe und Museumsleiter Matthias Glaubrecht hat darüber ein erhellendes und aufrüttelndes Buch veröffentlicht («Das stille Sterben der Natur. Wie wir die Artenvielfalt und uns selbst retten»).

Mit ihm spreche ich über diese Gefahr und mögliche politische und ökologische Antworten. Wir sprechen aber auch darüber, dass es notwendig ist, dass wir Menschen die Welt um uns herum (und uns in ihr) anders betrachten, dass wir den Wert und die Würde anderer Lebewesen erkennen und respektieren. Das ist eine ökologische und politische, sogar juristische Aufgabe («Hat nur der Mensch oder hat auch die Natur Rechte? »).

Es ist zudem eine persönliche, künstlerische und auch religiöse Frage. Denn viel hängt davon ab, wie wir die Welt/die Natur/den Kosmos/die Schöpfung betrachten. Was kann man dazu aus der christlichen Tradition oder von indigenen Religionen lernen?

Claudia Jetter: Evangelikale Frauen – einflussreich und unbekannt

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Das Bild, das wir uns vom US-amerikanischen Protestantismus machen, ist stark Trump-fixiert. Unter Evangelikalismus verstehen die meisten Europäer heute eine fundamentalistische, frauenfeindliche religiös-politische Massenbewegung. Dabei kann man über den Evangelikalismus auch anderes berichten – zum Beispiel von sehr wirkmächtigen Frauen.

Diese Frauen-Geschichten aus den vergangenen 200 Jahren können uns helfen, ein differenziertes Bild von US-amerikanischer Religion zu gewinnen – das hätte auch Folgen für unser Selbstverständnis im europäischen Christentum. Die Amerikanistin und evangelische Theologin Claudia Jetter (Berlin) hat intensiv zu evangelikalen Frauen geforscht und kann erstaunliche, beeindruckende, aber auch zwiespältige Geschichten erzählen.

Genannt werden:
Phoebe Palmer
Sojourner Truth
Phyllis Schlafly
Beth Moore
Jen Hatmaker

Über diesen Podcast

Die Kultur der Gegenwart ist voller Religion – ob es einem gefällt oder nicht. Das Gute daran: Es schafft Anlässe, mit ganz unterschiedlichen Menschen Gespräche zu führen. Über überraschende kulturelle Entwicklungen, tolle neue Kunstwerke oder aktuelle Konflikte. Nicht als journalistisches Frage-Antwort-Spiel, sondern als gemeinsames, ernsthaft-unterhaltsames Nachdenken. Alle zwei Wochen mit Johann Hinrich Claussen und immer einem anderen Gast.

von und mit Johann Hinrich Claussen

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